Mo. 18.05. – Cambridge – Ely – Chatteris – 62 km/140 Hm

6.36 Uhr – Erst um 5.50 Uhr wachgeworden, keine abendlichen Krämpfe, keine morgendlichen Kopfschmerzen. Scheint besser zu werden.

Strahlend blauer Himmel, aber Regen ist im Anmarsch.

Heute steht wieder eine Kathedrale auf dem Besuchsprogramm. Die Kathedrale von Ely wurde bereits im 11./12. Jhd. erbaut und hat das höchste Mittelschiff Englands und ist mit 164 m um vier Meter länger als die Kathedrale in Canterbury. Viele Gründe, heute den kleinen Umweg über Ely zu machen.

Ich folge erst dem River Cam bis Ely, dann quere ich westlich den Bedford River. Es wird eine flache Etappe. Wahrscheinlich werde ich heute zur Abwechslung mal wieder nass. Macht aber nichts.

8.26 Uhr – Abfahrt!

8.37 Uhr – Es war einen Versuch wert, aber das Magura-Kit für 50£ ist viel zu sperrig und das ihre zu nutzen wäre ja, wie ins Restaurant zu gehen und die Messer nutzen zu wollen. Er hat schon recht, aber warum eigentlich nicht.

8.47 Uhr – Auch hier kein Erfolg.

Ein junger Mann mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit fragte mich an der Ampel, wie weit ich fahre. Ist Inverness weit, habe ich zurückgefragt. Er erzählte dann begeistert, dass er am Wochenende in den Galloways war, die ich ja wegen ihrer Schönheit in meine Strecke aufgenommen habe. Er fand sie ganz toll: «You’ll love it!»

9.10 Uhr – Sehr schöner Morgen.

9.32 Uhr – Sehr meditativer Weg, da ich über die holprige Strecke maximal fünf bis zehn km/h fahren kann.

Rosinante beim Grasen in der Morgensonne.

Morgengruß. Für heute: Gelassenheit, Gesang, Zuhören, Freude.

9.46 Uhr – Über die Brücke muss ich Rosinante tragen, schwer, aber machbar.

Sieht einfach nicht gut aus. Hier kehre ich um und suche mir eine kleine geteerte Straße.

10.10 Uhr – Bin umgekehrt und traf am Parkplatz der Schleuse den netten jungen Mann in Orange. Er riet mir, doch den gesperrten Fußweg zu nehmen, das sei einfach die beste und schnellste Möglichkeit. Ich habe gejammert, dass ich zum dritten Mal über die Brücke muss, und er hat tausendmal «I’m sorry!» gesagt.

Rosinante passt auf den Millimeter in dieses Gatter. Am Ende der Fußwegpassage soll ein Tor sein, über das ich das Rad heben muss. Aber danach sei alles super easy «I promise!». Bin gespannt.

Der nette Mountainbiker rechts hat mir geholfen beim Rüberheben von Rosinante. Erst die Taschen ab, dann das Rad rüber. Da ist eine dritte Hand sehr willkommen.

Hier nochmal, obwohl doch der junge Mann nur von einem Gatter gesprochen hat, » I promise!». Dan ist fünfzig und hat Rückenprobleme. Er radelt an seinen freien Tage einfach drauflos. Er hat von Radreisenden gehört, aber nie einen getroffen. Die Begegnung inspiriere ihn, sagt er.

10.32 Uhr – Endlich an der Teerstraße. Das waren jetzt unterhaltsame fünfundvierzig Minuten.

10.40 Uhr – Hier beginnt die «Radautobahn» mit Rückenwind.

10.54 Uhr – Mit fast dreißig fliege ich dahin. Über mir kreisen zwei Milane, eine Lerche zwitschert.

11.02 Uhr – Im Wicken Fen. Auch auf diesem Belag komme ich sehr schnell voran.

Heute ist Brückentag.

11.39 Uhr – Die beiden Gravelbiker kamen mir grad entgegen und wir haben lange gequatscht. Der eine letzte Woche seinen Job gekündigt, um ab Juli monatelange auf dem Rad unterwegs zu sein. Zusammen wollen die beiden in drei Abschnitten von Nordfinnland nach Portugal (European Divide) radeln. Der Orange hat letztes Jahr Land’s End nach John o’Groats gemacht und in Schottland beim Zelten eine Mückenplage erlebt. Anfang Juni und mit Hotels sollte es aber ok sein, meinte er.

Das Quatschen hat super Spaß gemacht. Weiter!

11.51 Uhr – Wicked Fen Visitor’s Centre.

Nicht gerade warm hier drin, aber eine Pause kommt jetzt gut und der Kuchen und der heiße Kaffee sind sehr lecker!

Das Naturschutzgebiet ist das erste, das 1899 vom National Trust übernommen wurde. Das Moor liefert immer noch Riedgras für Hausdächer. Es gibt hier eine hohe Biodiversität, die gepflegt und gefördert wird.

12.17 Uhr – weiter!

12.43 Uhr – Ob das wohl schon die Kathedrale von Ely ist?

12.52 Uhr – Ja, das ist sie.

Der frühere Klosterbereich ist von einer langen Maier umgeben.

Von Süden gesehen. Es gibt eine kleine Tür, aber ich muss einmal um die Kirche herum zum Westportal.

Die Kapelle rechts ist im Perpendicular Style erbaut mit einer außergewöhnlichen Breite, die das Gewölbe überspannt.

Die Westfassade.

Ein ungeheuer langer Raum, der nicht durch eine Lettner-Mauer geteilt ist.

Die prächtige Bemalung der Decke ist aus dem 19. Jhd. Man kann sie über einen Spiegel sehen, ohne sich den Kopf zu verrenken.

Romanisch-normannischer Stil mit dreistufigem Wandaufbau.

Nördliches Seitenschiff.

Das in Holz erbaute Oktogon in der Vierung. Die Laterne in der Mitte ist ebenfalls achteckig, aber versetzt. Diese unvergleichliche Konstruktion ersetze den 1322 eingestürzten Vierungsturm.

Die Heilige Etheldrida (Edeltraud) ist die Schutzpratonin der Kirche. Sie war ab 673 die erste Äbtissin des von ihr als Doppelkloster gegründeten Klosters von Ely.

Die Marienkapelle aus dem 14. Jhd. Über dem Altar eine blau gekleidete moderne Marienstatue. Die Kapelle war einst vollständig bemalt und die Fenster aus Buntglas.

Statuen und Fenster wurden in der Reformation zerstört. Auch der Schrein der Etheldrida wurde zu Staub zerschlagen.

Der neue Chor für den Schrein der Heiligen im 12. Jhd. im gotischen Stil gebaut.

Das prächtige Tor des Piors auf der Südseite ist voller Symbolik und war einmal ebenfalls bunt bemalt.

14.21 Uhr – Während ich in der Kirche war, hat es geregnet. Tolles Timing.

14.55 Uhr – Ich wollte es nicht glauben, aber der nette Mann im Radladen um die Ecke meinte, ich soll es im Obergeschoss des Spielwarenladens versuchen. Die Fahrräder im Fenster im ersten Stock hatte ich nicht gesehen. In beiden Läden haben die Mechaniker montags frei. Aber hier konnte ich das Magura-Kit und eine Flasche Hydraulik-Öl kaufen. Damit versuche ich es heute Abend. Jetzt habe ich Hunger und brauche eine trockene Bank, da es tröpfelt.

15.25 Uhr – Bis jetzt ist es trocken geblieben. Toast und Müsli waren gut. Jetzt in der Regenjacke weiter.

So, die Fotos sollten jetzt hochgeladen sein. Hier ist der Empfang oft schlecht.

16.43 Uhr – Ein langes Stück im Regen auf einem Radweg neben einer lauten Hauptstraße habe ich schon hinter mir. Als die Sonne raus kam, habe ich die viel zu warmen Regensachen wieder ausgezogen.

Hier ist es jetzt ruhig. Im Augenblick warte ich die letzten Tropfen eines Schauers ab. Die Sonne kommt schon wieder raus.

17.03 Uhr – Ich bin wieder in einem Fen, es ist völlig flach hier und nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Noch vier Kilometer.

17.17 Uhr – In Chatteris. Noch hundert Meter.

17.18 Uhr – Ankunft.

17.27 Uhr – Ich mache mich gleich an die Arbeit.

Ich hoffe, es ist das richtige Öl, denn das Originalöl von Magura ist blau, während das hier grün ist. Der Mann im Radladen hatte aber nachgeschaut, ob es geeignet ist. Mal sehen.

18.11 Uhr – Die Bremse reagiert jetzt erstmal wieder so, wie sie soll. Puh! Die Kette habe ich auch noch geölt. Jetzt duschen, waschen und entspannen. Dann zum Abendessen runter ins Restaurant.

18.59 Uhr – Eine unerwartete Hürde tat sich auf, dabei wollte ich nur duschen. Ein Miniboiler hängt in der Dusche, Power und Temperature klar markiert. Weil nichts passierte, habe ich das Informationsheft konsultiert. Dort steht, man müsse den On/Off-Button betätigen. Den gibt es aber nicht. Von der Decke hängt eine Schnur, dazu klebt ein Hinweis an der Wand «Emergency Pull Cord». Die habe ich mal lieber nicht gezogen, sondern habe mir grad was angezogen und bin barfuß runter. «Everything ok?» Nein! Der nette Manager ist gleich mit mir hoch in den zweiten Stock und hat, man ahnt es, an der Emergency Pull Cord gezogen. Alles klar!

Natürlich habe ich mich entschuldigt, wie man das hier als höflicher Gast tut.

Jetzt merke ich langsam den Hunger!

20.34 Uhr – Die Pizza hatte massig Käse. Leider war sie ein bisschen mit der plastikbeschichteten Serviette darunter verschmolzen. Aber egal. Nachtisch und Espresso gibt es jetzt auch noch. Danach vielleicht sogar noch ein kleines Verdauungsbier.

Am Nachbartisch sitzen sechs Vogelbeobachter, die zeitgleich mit mir eincheckten. Alle trugen große Fernrohre bei sich. Sie erzählten vorhin dem Wirt, welche Vögel sie im Wicked Fen gesehen haben.

Das war ein sehr ereignisreicher Tag mit viel Natur, bemerkenswert vielen interessanten Begegnungen und einer beeindruckenden Kathedrale. Morgen gibt es wieder gegen Mittag eine Kathedrale. Der Mensch muss ja ein Hobby und ein Ziel haben.

22.59 Uhr – Gute Nacht!

One thought on “Mo. 18.05. – Cambridge – Ely – Chatteris – 62 km/140 Hm”

  1. Lieber Leonhard
    John o»Groats und Lands End können wir dir auch empfehlen. Allerdings sind wir damals ohne Muskelkraft dahin gefahren.
    Wir freuen uns schon auf deine Fotos aus den Highlands.
    Dank deines Blogs kommen viele Erinnerungen zurück und wir werden unsere alten Fotoalben (damals noch Papier 😀) nochmal raus kramen .
    Weiterhin eine gute Fahrt und besseres Wetter
    Liebe Grüße Uschi und Hermann

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