Fr. 29.05. – Ambleside – Carlisle – 77 km/970 Hm

6.50 Uhr – Bis kurz nach vier habe ich fest geschlafen und merkwürdige Träume gehabt. Danach war es draußen lauter, ich hatte einen kurzen Krampf im Fuß und spüre jetzt leichte Kopfschmerzen.

Es ist bewölkt, könnte aber trocken bleiben.

8.04 Uhr – Beim Frühstück laufen auf einem Monitor Fotos aus den Bergen. Blauer Himmel, kleine blau schimmernde Kare, weite, völlig offene Landschaft, weite Aussichten, Steinmauern, die in den Tälern, die Hänge hinauf und über die Grate laufen. Mal sehen, ob ich davon heute etwas mitbekomme.

8.45 Uhr – Gar nicht mal so kalt, wie ich dachte. Hier und da kommt die Sonne durch die Wolken. Abfahrt.

Heute durchquere ich den Lake District in nördlicher Richtung und komme dann nach Carlisle.

In England liegen alle geographischen Punkte über 3.000 Höhe (914,4 m) hier im Lake District. «The Lakes» wurden im frühen 19. Jhd. durch die Gedichte und Literatur von William Wordsworth berühmt. Neben der Schafzucht ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle. Der Nationalpark ist nur 55 km lang und 55 km breit. Neben den vielen Seen gibt es viele Hochmoore und Sümpfe.

Der höchste Berg, Scafell Pike. 978 m, ist der höchste Berg Englands. Das Massiv ist aber nur auf Sackgassen zu erreichen. Vielleicht kann ich es ja aus der Ferne sehen.

Carlisle ist die letzte Stadt vor der schottischen Grenze. Es gab eine römische Stadt, die Teil einer Kette befestigter Lager war. 122 kam Kaiser Hadrian zu Besuch und beauftragte den Bau einer Grenzmauer zum Schutz gegen die Pilze, bzw. gegen die Pikten. Der Tippfehler bleibt drin, ist sehr lustig.

1092 wurde Carlisle Castle errichtet, in dem Maria Stuart gefangen gehalten wurde. Die im 16. Jhd. zur Festung ausgebaute Burg ist noch gut erhalten. Die Stadt ist ein wichtiges Handelszentrum und eine Eisenbahnknotenpunkt. Die Kathedrale wurde 1122 begonnen. Zu Beginn war es ein Augustinermönchspriorat, eine von vier englischen Ordensniederlassungen, die nicht benediktinisch waren. Die Kirche würde ich mir gerne anschauen. Sie ist heute bis 18.30 Uhr geöffnet. Es wird aber zeitlich sicher ziemlich knapp.

8.55 Uhr – Und schon bin ich raus aus dem Städtchen. Auf der Weide versucht ein Mann auf einem Quad zusammen mit seinem Hund die Tiere irgendwo hin zu treiben. Wirkt etwas aussichtslos.

Vielleicht eine frühere kleine Schaffarm.

Landschaft und so…

9.14 Uhr – Rydal Water.

Morgengruß: Freude an der Natur, Freude an der Begegnung, Innehalten, Freude am Unterwegssein.

Der junge Mann sprach mich an. Er hat für einige Monate in Friedrichshafen am Bodensee Germanistik studiert und freut sich immer, wenn er seine (sehr guten) Deutschkenntnisse anwenden kann. Er hat mir ein Video von einem Specht gezeigt, den er vorhin bei der Fütterung der Jungen beobachtet hat. Diesen Pfad hier am Wasser findet er am schönsten in den ganzen Lakes.

Wegen der vielen großen Steine ist mir das Durchfahren zu heikel

Sollte gehen.

Ja, geht!

Der Weg durch den Wald bergab war gerade ziemlich heikel. Es sind sehr viele Wanderer und Familien unterwegs.

In kleinen Serpentinen steil bergan, auch wenn man das auf dem Foto nicht sieht.

Hier fließt der River Rothay aus dem Grasmere.

9.50 Uhr – Rosinante und ich kommen sehr auf unsere Kosten, auch wenn es nur langsam vorangeht.

Jets der RAF donnern im Tiefflug durch das Tal.

10.10 Uhr – Im Örtchen Grasmere. Bin wieder auf Teerstraßen.

Auf dem Weg hinauf zum Thirlmere.

10.28 Uhr – Das sieht leider nicht nach Radwegfahren aus. Nun denn!

Wunderbar! Die Bergauf-Spur ist so breit, dass man mich und langsame Wohnmobile sehr gut überholen kann.

Steinmauern wie Landschaftskunst.

10.46 Uhr – Ich fange schon an, nach Murmeltieren Ausschau zu halten. Dabei bin ich nur auf 220 m Höhe.

Mit 6-8% Steigung geht es zügig auf gutem Belag nach oben. Endlich mal langweilig meditatives Bergauffahren. Da bete ich dann wieder mal den Rosenkranz. Bis hierhin waren es nur anderthalb Gesätze.

Auf 240 m Höhe. Ich probiere den geteerten Radweg, der hier links abzweigt. Die Abfahrt auf der vierspurigen Straße wäre sicher ein sehr schneller Höllenritt.

Gemütlich und mit ordentlichem Rückenwind.

Die engen Kurven und die Hubbel fahren sich wie eine Achterbahn: toll!

Hätte ich fast übersehen. Hier pfeifen nicht die Murmeltiere, hier blöken die Lämmer.

Nebenstraße.

Baum.

11.12 Uhr – Markanter Felsen. In den Lakes gibt es viel Schiefer, aus dem viele der Häuser gebaut sind, dann Granit und auch Basalt.

17° C, fühlt sich durch den Wind frisch an. vielleicht ziehe ich doch die Ärmel der Windjacke noch an.

Holzstämme aus dem Wald werden für den Abtransport auf Stapel nach Dicke sortiert.

11.32 Uhr – Kein Autoverkehr, ich rolle zügig gen Norden.

Thirlmere ist ein Stausee, gebaut 1890.

Der Abfluss des Stausees.

Ich fahre gleich am Fuß der Berge entlang nach rechts aus den Lakes raus.

In der Ferne kann ich die hohen Gipfel der westlichen Lakes ausmachen.

12.28 Uhr – Coffee Shop des nagelneuen Gemeindehauses in Threlkeld. Ich habe ihn vorhin auf Google Maps gefunden.

Auch hier wird kreativ gehäkelt, wie man an den Fähnchen sehen kann.

Es gibt Frühstück, Mittagessen, Kuchen, und andere Kleinigkeiten. Die meisten sehen nach Wanderern aus. Es stehen aber auch ein paar Räder ohne Gepäck auf dem Hof.

Hier in der Gegend gab es Blei- und Nickel-Bergwerke. Heute wird noch ein Granit-Steinbruch betrieben.

12.45 Uhr – Könnte sogar sein, dass ich trocken nach Carlisle komme.

Reizvolle Natur, sich ständig ändernde Aussicht, warmes Café mit leckerem Kuchen: Das macht mich glücklich!

Blick zurück.

13.08 Uhr – Der Wind schiebt mich auf dem super glatten Teer bergauf.

13.19 Uhr – Blick zurück. Sehr schöner Panoramaweg.

Wie auf Kreta, nur Schafe statt Ziegen.

13.39 Uhr – Sieht aus wie eine Wiese, ist aber ein riesiges Farnfeld.

Das Tal sieht sumpfig aus. Deshalb verläuft die Straße wahrscheinlich auch hier im Hang. Einen längeren Anstieg habe ich noch vor mir.

13.55 Uhr – Gar keine Mauern rechts und links! Was ist hier los?

Das ändert irgendwie alles! Die Enge ist weg. Ich kann die Landschaft als Ganzes sehen, nicht nur über die Hecke. Hinweg den obersten Teil. Grad vorhin habe ich noch gedacht, dass die Schafe auf der Weide mehr von der Landschaft haben, als ich.

Hier wird an mehreren Felsblöcken gebouldert.

Wirklich wunderschön hier.

14.51 Uhr – Minimaler Windschutz für die Mittagspause. Bei Heckenwegen konnte ich nicht so einfach auf die Wiese und mich auf einen Stein setzen.

Jetzt muss ich noch über den Kamm und dann runter nach Carlisle.

Müsste gehen.

Ging!

15.09 Uhr – Es geht bergab. Vor mir ist es dunstig. Hier auf 315 m Höhe ist der Wind sehr kräftig und böig.

15.34 Uhr – Sonnig, 24° C im Schatten. Uff. Alles ausziehen, bis auf die Windjacke.

Herrenhaus Rose Castle.

Marktplatz Dalston.

16.32 Uhr – Heimelige Kirche. War zu sehr mit dem Gedanken unterwegs, möglichst bald in Carlisle anzukommen. Ich habe es doch gar nicht eilig und es ist auch nicht mehr weit. Vor 18.30 Uhr die Kathedrale zu besuchen, sollte klappen, auch ohne Raserei.

Irgendwie Spanischer Glockenturm.

16.55 Uhr – River Caldew kurz vor Carlisle.

17.04 Uhr – An der Stadtmauer von Carlisle.

Carlisle Castle.

Evening Prayer findet um 17.45 Uhr statt.

Das Chorfester ist das größte in England, das im Decorated Style der Gotik gebaut wurde.

Da ich beim Reinfahren in die Stadt einmal um die Kirche herum gefahren bin, habe ich nicht gleich verstanden, dass dies die Ostseite der Kirche ist.

17.12 Uhr – Ankunft, gleich neben der Kathedrale.

Rosinante hat einen ganzen Saal im ersten Stock für sich alleine. Es sind gerade etwa zwanzig Radfahrer im Hotel, sagte die Dame an der Rezeption. Da kam eine Stimme von hinter mir: «Nein, wir sind 29.» sie fahren morgen, wie ich, gen Norden. Außerdem gibt es eine Feierlichkeit und die Küche ist etwas im Stress.

Ich wurde mal wieder durch eine unbekannte Badewannenamatur überrascht. Ich lasse Wasser in die Wanne laufen, bis es warm ist, schalte dann auf Dusche um. Alles klar. Aber als ich das Wasser abstellen wollte, habe ich es nur zwischen Dusche und Wanne umschalten, aber nicht abstellen können. Dabei wollte ich doch pünktlich sein. Am Ende habe ich es hinbekommen, keine Ahnung wie.

Blick aus dem Flurfenster vor meinem Zimmet. Man sieht den Chor mit dem großen Fenster. Er ist sieben Joche lang.

Wir waren nur sechs Besucherinnen. Es gab keinen Chor, der gesungen hat, auch keinen Organisten. Ich konnte der komplizierten alttestamentarischen Lesung nur schwer folgen. Aber der Ablauf wird mir langsam vertrauter. Schön, wieder mehr als nur eine Besichtigung einer Kathedrale zu machen.

Dreigeschossige Mittelschiffwand, nur relativ kleine Obergaden. Der Chor wurde im 13. und 14. Jhd. erbaut. Die Bemalung der noch ursprünglichen Holzdecke ist aus dem 19. Jhd. Das Glas im außergewöhnlich großen Chorfenster ist teils noch aus dem 14. Jhd.

Die sehr imposanten Orgelpfeifen hängen in der Vierung.

Model mit Zustand der Kirche um 1540. Rechts vom Vierungsturm der Chor. Vom ursprünglichen Langhaus aus dem 12. Jhd., links vom Turm, sind nur zwei Joche erhalten. Vom Kreuzgang steht nur noch ein kleiner Teil.

Reste des Kreuzgangs.

Rest des wesentlichen Langhauses mit den Rundbogen-Fenstern aus dem 12. Jhd. Im hellroten Neubau befindet sich das Kirchencafé.

Marktplatz von Carlisle, rechts das alte Radhaus, links das Hotel.

Ich hin zurück in die Unterkunft und habe erstmal noch die Wäsche gemacht.

19.23 Uhr – War ja irgendwie klar: Meine Reservierung im Hotelrestaurant für acht Uhr habe ich gerade abgesagt, weil ich mehr Lust auf Pizza habe. Da komme ich in die Pizzeria und die schließt, weil die ganze Straße keinen Strom hat. Dann bin ich jetzt mal etwas flexibel und suche mir was anderes.

20.05 Uhr – Bei einem anderen Italiener am Rand der Innenstadt esse ich Penne Amatriciana und einen kleinen Salat. Sehr lecker.

23.38 Uhr – Fertig mit Telefonieren und dem Nacharbeiten des heutigen Eintrags. Jetzt fallen mir doch fast die Augen zu.

Gute Nacht!

One thought on “Fr. 29.05. – Ambleside – Carlisle – 77 km/970 Hm”

  1. Lieber Leonhard, ich musste heute doch lachen über Hadrians Plan zum Schutz vor den Pilzen!
    Die Landschaften sind herrlich und abwechslungsreich. Ich stelle es mir für dich schön vor, in einem Land unterwegs zu sein, dessen Sprache du sprichst.
    Weiter viel Freude, schöne Begegnungen und gutes Wetter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert