6.33 Uhr – Ein sonniger Morgen. Um fünf war ich mal wach, ansonsten habe ich gut geschlafen. Der Krampf gestern Abend im Fuß war schnell vorbei.
Die nächsten Tage werden noch etwas wechselhaft, danach könnte es bis fast Ende Mai trocken und zeitweise über zwanzig Grad warm werden. Bin gespannt.

7.18 Uhr – Das einfache Hotelfrühstück. Leider gibt es nur noch ein Päckchen Instantkaffee. Also probiere ich heute mal den englischen Tee mit Milch für unterwegs.

Heute geht es Richtung Nordosten auf Cambridge zu. Ab fünf könnte es regnen. Der Wind kommt von Westen, könnte also manchmal sogar ein bisschen schieben.
8.32 Uhr – Los geht’s.

8.22 Uhr – Ab hier folge ich dem River Lea-Kanal für eine ganze Weile.

Der Mann, der links ankommt, hat mir geholfen, das Rad über die Pöller zu heben.

9.07 Uhr – Im Hintergrund eine Kraftwerksbaustelle von London Energy. Der Mann an der Schleusen-Kurbel ist dabei, sein Boot, links am Rand, zu schleusen. Er hat eine Kanallizenz und muss sein Boot alle zwei Wochen umsetzen. Damit soll dafür gesorgt werden, dass auch die besten Plätze mal wieder für andere frei werden. Aber es halten sich wohl viele nicht daran.
Ab hier wird es ländlich.

9.17 Uhr – Das Wasser gleich neben mir irritiert ein bisschen beim Fahren. Vorhin war der Weg mal ohne den Grünstreifen unmittelbar am Kanalrand. Da musste ich sehr aufpassen.
Das Fahren läuft sehr gut. Aber, ich muss mich um meine Hinterradbremse kümmern. Sie scheint winzige Mengen Öl zu verlieren. Mal sehen, ob es in England Radläden gibt, die Magura-Bremsen reparieren können.

Die kleinen Boote, Narrow Boats, sind irgendwie süß und nicht einmal so breit wie ein Fahrrad lang ist.

9.57 Uhr – Das Lee Valley (hier verwendet man diese Schreibweise, statt Lea) ist ein großes Naherholungs- und Naturschutzgebiet.
Wir haben fast zwanzig Grad. Ich ziehe mal den Pulli aus.

Der Weg schlängelt sich zwischen den Seen und Wasserarmen durch.

Die Wasservögel zetern und schreien. Richtig was los hier.

10.24 Uhr – Ich nutze die Gelegenheit für einen Carrot Cake mit Flat White Latte im Parkcafé.
Beides war sehr lecker. Schade, dass hier noch alles in Einweggeschirr ausgegeben wird.

10.49 Uhr – Ich verlasse das Tal und lasse mich vom leichten Rückenwind (!) den sanften Hang hinauf schieben.

11.03 Uhr – Auf der Landstraße mit viel und schnellem Verkehr. Ich fahre mitten in der Spur. Das klappt, strengt aber an. Also mache ich immer wieder Pause, lasse Verkehr vorbei, sammle Nerven.

11.28 Uhr – Ein entspanntes Stück Radweg kann ich jetzt gut gebrauchen.

11.55 Uhr – In Old Harlow, auf Kilometer 35. Mal sehen, ob es hier eine Radwerkstatt gibt.

12.29 Uhr – Chinesischer Morgengruß mit Blick in die Weite. Für heute: Freude, Zufriedenheit, Gelassenheit, Offenheit.
Ich bin wieder auf einer Landstraße unterwegs, aber mit erheblich weniger Autoverkehr. Bei gutem Wind brause ich mit über 30 km/h die flachen Straßen entlang. Da kommt Freude auf.

12.40 Uhr – Eine trockene Bushaltestelle, aber ohne Bank. In der ehemaligen Telefonzelle daneben habe ich Doris Lessings «Die Geschichte von General Dann….» gelassen. Ein Buch zum Mitnehmen war nicht dabei. Demnächst mache ich mal Mittagspause.

Gerade hielt eine Frau in einem alten Jaguar neben mir an und fragte, ob ich wisse, wo in bin. Na, irgendwo hier halt. Sie wisse nämlich nicht wo sie ist. Sie suche die Cammas Farm. Nun, von der habe ich natürlich auch noch nie gehört, könne es aber suchen, wie sie vielleicht auch. Das alte Auto habe kein Navi, aber, no worries, sie werde es schon finden. Good luck!
Etwas später traf ich sie wieder. Sie winkte einer Frau, die gerade ihr Auto auf den Hof neben ihrem Haus fuhr. Diese konnte den Weg zur Farm erklären, und der alte Jaguar setzte sich wieder in Bewegung.
Ansonsten sind hier eher Porsches, Maseratis, Range Rover und große BMWs unterwegs, und das ziemlich flott. Die Cottages sind wohl etwas für Leute mit Geld. Mich würde der Fluglärm stören. Im Anflug auf Stansted sind die Flieger hier sehr tief und laut.

13.47 Uhr – Der Tower des Flughafens Stansted rangt über die Bäume. Dahinter, weiter westlich, liegt Hatfield, von den englischen Kollegen Hatefield genannt. Dorthin musste T-Motion von Hammersmith aus umziehen, bevor es dann 2005 aufgelöst wurde.
Ich bin an einer Bushaltestelle mit Bank vorbeigefahren, die aber an einer lauten Straße lag. Langsam sollte ich nicht mehr so wählerisch sein.

14.20 Uhr – Eine Bank gegenüber vom geschlossenen Prince of Wales. Hunger!
14.31 Uhr – Der Tee war noch gut trinkbar. Der griechische Joghurt lässt sich gut mit Wasser verdünnen. Dazu ein halber Apfel ins Müsli ergibt ein nahrhaftes Mittagessen.
Heute ist übrigens in London eine große Demo von Ultrarechten von «Unite the Kingdom», zeitgleich mit einer Demo für die Rechte der Palästinenser. Viertausend Polizisten sollen Gewalt verhindern. Gleichzeitig findet das Endspiel der FA in Wembley statt. Was bin ich froh, dass ich gestern durch die Londoner Innenstadt gefahren bin. Heute wäre es sicher kaum möglich gewesen.

15.05 Uhr – Hier habe ich einen Roman von Stephan Fry gefunden, den ich mir vorstellen könnte zu lesen.
Ein paar Tropfen fallen, sieht aber nicht nach viel Regen aus. Noch knapp zehn Kilometer.
Die Unterkunft ging nicht ans Telefon. Ich hoffe, es ist jemand da, wenn ich komme.

15.42 Uhr – Debden ist gar nicht mal so klein.
Vorhin sah ich zwei junge Australier mit ihren Rennrädern am Straßenrand. Einer von ihnen war dabei, seinen Schlauch zu flicken. Ich fragte, ob alles ok ist. Sie machen eine Tagestour von London nach Cambridge, fahren abends mit dem Zug zurück.

15.51 Uhr – Am Ziel. Zuerst bin ich vorbeigefahren, dann war das Schild aus der anderen Richtung aber gut zu sehen. Sehr gepflegter Garten.
John hat mir einen Zettel an seiner Haustür hinterlassen, dass er kurz weg ist.

Meine Hütte hinter dem Haupthaus.

Sehr urig. Und das Beste ist der volle Kühlschrank, mit Käse, Wurst, Tomaten, Wein Bier, Milch. Es gibt Toast und Kaffee und Chips. Die esse ich gerade zum Bier am Tisch vor der Hütte. Toller Luxus nach dem einfachen Zimmer gestern. Dazu diese Stille, Vogelstimmen, Wind in den Bäumen, Rebhühner rufen, gelegentlich ein vorbeifahrendes Auto. Der Himmel ist verhangen, aber es regnet weiterhin nicht.
16.25 Uhr – Jetzt dusche ich mal und wasche die Radkleidung.
17.19 Uhr – John klopfte, als ich grad beim Waschen war. Ein sehr netter Herr, etwas älter als ich. Der Kühlschrankinhalt ist komplett für mich. Ich werde ihn auch brauchen, da, oh Schreck, die kleine Küche über keine Kochplatte und keinen Topf verfügt. Ich hätte das Nudelwasser ja sonst auf dem Gaskocher erhitzen können. Hm, also Käse, Toast etc. heute Abend. Schade, hatte mich sehr gefreut und habe das gute Kilo Lebensmittel jetzt umsonst mitgenommen. Erst in Inverness habe ich eine Unterkunft mit Küche. Dann werde ich die Sachen wohl hier lassen müssen und einen Zettel schreiben.
Oder hat jemand eine Idee, wie ich die Nudeln mit Soße koche, wenn ich eine Mikrowelle und einen Toaster habe?
17.41 Uhr – OK! Im Netz finden sich natürlich auch Anleitungen für Büroküchen in denen es meist nur eine Mikrowelle gibt. Das probiere ich dann in einer Stunde mal.
Beim Verstauen des Rads traf ich die Besitzer, die im Garten arbeiten. Die Frau, Joan, hat in Cambridge drei Geschäfte, eines für Souvenirs, einen Harry-Potter-Shop und einen für Babysachen. Ich bekäme auch Rabatt. Gut, dass ich ohnehin keinen Platz für Mitbringsel habe, so fühle ich keine Versuchung. Den inzwischen traditionellen Kühlschrankmagneten plane ich aus Edinburgh mitzubringen.
18.24 Uhr – Das Nudelwasser schäumt, es scheint zu kochen. In der Küche gibt es kein Salz, aber ich habe ja welches dabei.
Probiert: fast fertig. Danach dann noch die Soße.

Sieht schon mal gut aus.

Ich werde noch zum Food-Blogger: Schmeckt super, doch die Nudeln sind, während ich die Soße erhitzt habe, ziemlich abgekühlt. Also habe ich den Teller inkl. Käse für eine Runde in die Mikrowelle gestellt: fertig! Dazu wurde ein australischer Pinot Grigio serviert.
20.52 Uhr – Im Fernsehen läuft gerade der Film Darkest Hour über die Einkesselung der gesamten britischen Armee in Dünkirchen, und wie Churchill, erst fünf Wochen im Amt, darauf reagiert hat. Er organisierte die Evakuierung mit allen aufzutreibenden privaten Schiffen, so klein sie auch waren, und bestand darauf, keine Friedensverhandlungen mit Hitler aufzunehmen.
21.58 Uhr – Der Film war echt sehr beeindruckend und bewegend, zumal ich Dienstag in Dünkirchen und gestern in London war.
22.41 Uhr – Fertig mit Der Überarbeitung des heutigen Blogbeitrags. Jetzt schaue ich mir noch die morgige Etappe an.
Gute Nacht!
Lieber Leonhard,
es freut mich, dass Du noch noch ein warmes Abendessen bekommen hast. Und dass Du die gekauften Lebensmittel statt auf dem Radl nun höchstens im Bauch weiter mitschleppst. Bei Deinem Kalorienverbrauch allerdings wohl nicht allzu lange 😄