Do. 14.04. (Christi Himmelfahrt) – Canterbury – Rochester – Ebbsfleet – 74 km/690 Hm

7.30 Uhr – Wieder eine unruhige Nacht. Ich habe leichte Kopfschmerzen. Draußen ist es trüb, aber es regnet noch nicht. Der Regen soll über Mittag kommen.

Ich brauche neuen Joghurt und Äpfel und möchte auch ein bisschen Bargeld an einem Geldautomaten ziehen. Dafür fahre ich aber nicht suchend durch Canterbury, sondern hoffe auf Bank und Lebensmittelladen irgendwo unterwegs.

Parallel zur Küste geht es nach Westen Richtung Themse und London, teils direkt am Wasser. Mal sehen, ob diese Wege bei dem Wetter überhaupt fahrbar sind. Unterwegs möchte ich in Rochester die dortige Kathedrale besuchen.

8.24 Uhr – Jetzt bin ich soweit fertig und könnte frühstücken gehen. Heute ziehe ich die Radhose an und die Laufhose drüber. Beim Herumlaufen sind die Beinlinge unpraktisch, da sie bei diesen Bewegungen rutschen.

Die letzten beiden Tage habe ich, wegen der Zug- und Fährfahrten, die Wanderhose getragen, ohne Radhose darunter. Selbst gestern, auf der 60 km langen Strecke, hatte ich keine Sitzprobleme. Vielleicht ist die gepolsterte Radhose ja eher ein Problem als eine Lösung. Dem könnte ich mal weiter nachgehen.

8.36 Uhr – Im Refektorium-Restaurant ist es fast leer. Man wird am Tisch bedient und kann zwischen Cooked und Continental Breakfast wählen. Ich bleibe bei Müsli, Toast mit Käse und probiere mal Dänische Teilchen. Einen Joghurt lasse ich mir noch bringen, den ich für das Müsli einpacken kann.

Nun, der griechische Joghurt, den ich statt eines Fruchtjoghurts bestellt habe, kam in einem Schälchen. Also habe ich ihn gleich gegessen. Jetzt noch eine letzte Scheibe Toast, dann sollte die Mahlzeit für ein paar Stunden vorhalten.

160 m ist die Kirche lang und damit auf Platz zehn weltweit.

Links der Umgang, rechts die typische Chorschranke.

Hier wurde 1170 auf Befehl von König Karl II. Thomas Becket von drei Männern ermordet.

Die Krypta ist sehr groß, mit mächtigen Rundsäulen, die die Oberkirche tragen.

Jesus-Kapelle am östlichen Ende der Krypta. Das Fensterbild und die Decke weisen aber eher auf Maria.

Der östliche, frühgotische Teil des Langhauses, begonnen 1174, mit Blick in der Chor. Der Chor hat, wie französische Kathedralen, einen siebenteiligen Abschluss und einen Chorumgang. In diesem Teil gibt es noch viele Originalfenster. Der Raumeindruck ist speziell, da sich das Langhaus zum Chorabschluss hin verengt und man alle Säulen auf beiden Seiten sehen kann.

Das Triforium hinter den oberen kurzen schwarzen Säulen ist offen und man kann die Balken des Seitenschiffdachs sehen.

Dort, wo die brennende Kerze im Chor steht, befand sich von 1220 bis 1538 das Grabmal von Thomas Becket bis es auf Geheiß von Heinrich VIII. zerstört wurde.

Die Kapelle der zeitgenössischen Heiligen mit Fenstern über das Leben Jesu. Die Marien-Kapelle darunter trägt sie. Das würde für mich gut passen, auch wenn die Kapellen heute anders heißen.

Blick in das unglaublich lange Langhaus.

Südliches, sehr schmales Seitenschiff.

Ein regelmäßiges Gedenken an die toten Soldaten der englischen Armee und ihrer Verbündeten.

11.08 Uhr – Noch ein Blick in den Kreuzgang, nun ist es Zeit, aufzubrechen.

11.25 Uhr – Einen heftigen Regenguss habe ich noch abgewartet. Jetzt aber mal los!

11.31 Uhr – Seh kühl, aber trocken.

In dem Theater haben wir uns auf der Tandemtour damals die Canterbury Tales angeschaut, und in dem Hotel rechts haben wir vor etwa zehn Jahren bei einer Südengland-Tour mit dem Auto mal übernachtet.

11.36 Uhr – Durch das Tor geht es aus der Stadt raus, auch wenn ich mich grad wirklich schwer lösen kann.

11.51 Uhr – Von diesem Hügel hier kann man die Kathedrale sehen. 9°C, alles nass, aber grad kein Regen. Noch 69 km.

Bei Regen ist es schwer zu tippen, die Fehler korrigiere ich heute Abend.

Doch auf so einem nur schulterbreiten Weg gelandet.

12.11 Uhr – In den Blean Woods. Die Bäume halten den Wind ab, aber kaum den heftigen Regen. Komme aber recht gut voran.

12.36 Uhr – Morgengruß mit weiter Sicht und leichtem Regen: Freude, Gelassenheit, Neugier, Humor.

13.33 Uhr – Wow, blauer Himmel! Mit etwas Glück für eineinhalb Stunden. Ich nehme jetzt Kaffee, Käsetoast und Keks vom Hotelzimmer. Auf Kilometer 24.

13.49 Uhr – Den gröbsten Dreck aus den Blean Woods habe ich mit der Bürste entfernt, die ich diesmal dabei habe. Sauber und gestärkt geht es weiter.

14.00 Uhr – Netter kleiner Supermarkt in Teynham in dem es leider keinen Joghurt gibt.

15.10 Uhr – In diesem riesigen Supermarkt gab es Biojoghurt und einen Apfel. Das Müsli hat super geschmeckt. Jetzt will ich los und stelle fest, dass das Vorderrad platt ist. So ein Mist!

15.29 Uhr – Beim Absuchen der Lauffläche habe ich einen abgebrochenen Dorn gefunden, den ich mühsam mit dem Messer herausoperiert habe. Der Schlauch hat genau an dieser Stelle ein Loch, das ich jetzt eben flicke, statt gleich den neuen Schlauch zu nehmen.

15.53 Uhr – Mit der Handwaschpaste sind die Hände wieder sauber geworden. Die Luft ist noch drin. Weiter!

16.24 Uhr – Hier können die Schornsteinöffnungen aus dem Wind gedreht werden.

16.33 Uhr – Hm, das sieht nach dem Risiko für weitere Dornen aus.

Große Obstplantagen, wahrscheinlich Äpfel.

16.52 Uhr – Wird schon passen. Noch gut zehn Kilometer bis Rochester. Das Hotel habe ich angerufen. Weil aber niemand dranging, habe ich ihnen geschrieben, dass es acht oder neun werden wird.

16.57 Uhr – Jetzt bin ich extra ans Meer gefahren, und wo ist es? Nun ja, es ist ein großes Brackwasserbecken, in das der Medway River fließt., der von Rochester kommt.

Gut befestigt und trocken.

17.08 Uhr – Jetzt mal zügig nach Rochester. Es nieselt weiter, aber ich ziehe die Regensachen nicht an.

Nationaler Radweg aber mit enormen Hindernissen. Ich dachte durch die grünen Gatter da hinten passe ich und bin knallend am Lenker hängen geblieben. Puh, nix passiert.

18.30 Uhr – Ich kam noch rechtzeitig zur Wandlung in die Himmelfahrtsmesse. Am Eingang stand eine Ordnerin, die mir das Heft für den Gottesdienst in die Hand drückte.

Hier ziehen wir in feierlicher Prozession mit Chor und Zeremonienmeister durch die Kirche zum Kreuzgang. Dabei mache ich noch fix ein paar Fotos.

Es sang ein Chor aus Kindern und jungen Erwachsenen. Zwei Priesterinnen und ein Priester zelebrierten. Es wurde sehr viel Weihrauch eingesetzt. Das liebe ich ja. Bei der Kommunion hat die Priesterin alle mit so einer intensiven Freude angestrahlt, dass mir das Herz aufging.

Hat mich sehr gerührt, dass ich diese Kathedrale in ihrer Bestimmung als Gotteshaus besuchen konnte.

Zerwmoienmeister, Chor, Zelebranten und Gemeinde ziehen durch das südliche Querschiff.

Der Segen wurde draußen erteilt. Welch eine wunderbare Überraschung, nach dem ziemlich komplizierten Tag heute.

Sie ist nach Canterbury die zweitälteste Kathedrale Englands. Im Wesentlichen ist der Bau noch normannisch. Bald nach der Eroberung durch die Normannen 1066 wurde 1083 mit dem Bau begonnen, die Weihe erfolgte 1130. 1137 zerstörte ein Brand den Chor, der daraufhin in gotischem Stil neu gebaut wurde. Er übertrifft das Langhaus und Größe. Die Obergaden des Langhauses und das Westfenster (über dem Portal oben), wurden im 14. Jhd. erbaut. 

Das Tympanon mit Säulen und innen zwei Gewändefiguren.

Direkt gegenüber liegt die Burg, die große Berühmtheit erlangte durch die Belagerungen während der Baronen-Kriege im 13. Jhd. Sie gilt als besterhaltenes Beispiel normannischer Militärarchitektur.

18.40 Uhr – Jetzt aber endlich los. Halt, da ruft unser jüngster Sohn an und gratuliert mir zum Vatertag. Wir quatschen eine Runde. Jetzt aber wirklich los!

Strahlend blauer Himmel, aber kalt.

Blick von der Brücke über den Medway zurück zur Burg.

19.13 Uhr Die tiefstehende Sonne blendet ungemein.

19.41 Uhr – Radweg neben der furchtbar lauten Autobahn.

Uhps, da liegt ein kürzlich umgekippter Baum quer. Noch sieben Kilometer.

20.07 Uhr – Ankunft. Was für ein Tag!

An der Rezeption erfahre ich, dass das Restaurant um neun die Küche schließt. Kommt mir komisch vor. Auf jeden Fall muss ich duschen und die Wäsche machen, weil ich sonst nach dem Essen zu müde bin.

22.34 Uhr – Um 20.45 Uhr war ich dort und konnte noch etwas bestellen. Es reichte anschließend auch noch für ein halbes Pint San Miguel.

Jetzt bin ich satt und ziemlich müde, werde aber zu Rochester und den letzten Stück der Strecke noch ein paar Ergänzungen machen.

23.13 Uhr – Fertig mit den Nachträgen. Morgen klingelt um halb sieben der Wecker. Gute Nacht! 

One thought on “Do. 14.04. (Christi Himmelfahrt) – Canterbury – Rochester – Ebbsfleet – 74 km/690 Hm”

  1. Lieber Leonhard, jetzt lerne ich dank dir auch virtuell England kennen und was soll ich sagen, bei so viel schlechtem Wetter zieht es mich noch nicht. Allerdings die Bilder der Kirchen sind wundervoll. Ich wünsche dir besseres Wetter, mehr Joghurt, weniger Dornen und viele besinnliche Momente. Ich hoffe, der Start am Freitagmorgen verlief besser. Alles Liebe Sandra

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