6.34 Uhr – Endlich Zeit zum Aufstehen. Ich bin sehr oft wach geworden. Mal war es zu kalt, dann zu warm, dann kam das laute Summen, das hier irgendwo aus dem Haus kommt.

Heute sind es wieder zwei Teiletappen. Erst radle ich 22 km zur Fähre, dann 35 von Dover nach Canterbury. In England könnte es sein, dass der weiterhin lebhafte Wind eher von der Seite als von vorne kommt.
8.14 Uhr – Abfahrt nach einem ausgiebigen französischen Frühstück. Es ist frisch und windig, aber die Sonne kommt durch, nachdem es in der Nacht auch heftig geregnet hat.

8.22 Uhr – Ich kann entspannt auf den tollen Radwegen durch die Stadt rollen. Voraus der Rathausturm.

8.41 Uhr – Die vielen Ampeln bremsen mich enorm. Die Regenwolke liegt etwas östlich, ich spüre nur einige wenige Tropfen.

9.00 Uhr – Jetzt erwischt mich doch ein Schauer und ich ziehe die Regensachen an.

9.17 Uhr – Die Sonne zeigt sich wieder. Unter der Regenkleidung ist mir nicht mehr kalt. Der EuroVelo 12 ist gut beschildert und ich fahre fast immer auf einem Radweg. Noch etwa zehn Kilometer.

9.29 Uhr – Morgengruß: Für heute Zuversicht, Gelassenheit, Gottvertrauen und Humor. Bei der Bewegung «Wasser» (später beschreibe ich den Ablauf nochmal) begann es passend zu regnen und ich musste den Helm anziehen.

Eines der Flüchtlingscamps, die es an den Kanalhäfen gibt. Die Menschen wollen nach England, irgendwie.

10.02 Uhr – Auf dem letzten Stück. Viele LKWs.

10.17 Uhr – Zwei Kontrollstationen liegen schon hinter mir.

10.21 Uhr – Auch der UK-Zoll hat mich passieren lassen. Meine Taschen wurden an der nächsten Station nicht kontrolliert.

Linie 27 muss ich. Der junge Mann am DFDS-Schalter hatte im Scherz gesagt, die Schlange sei anderthalb Meilen lang.

10.57 Uhr – Drinnen gibt es Kaffee und Pain-au-Chocolat, dazu habe ich noch ein bisschen Baguette mit Käse von heute Morgen. Die Klappe an der Fähre ist offen. Mal sehen, wann es losgeht.

Ich kam ins Gespräch mit zwei Belgiern, die mit Zelt auf dem Weg nach Südengland sind. Dann wurden wir drei Radfahrer aufgefordert an Bord zu fahren.

Rauf müssen wir schieben.

Kein guter Platz für die Räder, finden wir. Meines habe ich mit dem Spanngurt fixiert.

Rechts neben dem weißen LKW stehen die Räder.

11.44 Uhr – Nun sitze ich, noch etwas angespannt wegen der nicht so optimalen Unterbringung des Rads, auf dem Passagierdeck. Ich habe noch Kaffee, Äpfel und Joghurt. Mist, das Müsli ist in der anderen Tasche, die noch am Rad ist.
12.09 Uhr – Ein Vibrieren geht durch das ganze Schiff und wir bewegen uns langsam weg von der Mole.

12.21 Uhr – Wir verlassen den Hafen.

Blick voraus auf das Meer.

13.00 Uhr – Gelegentlich schlägt eine Welle gegen den Bug und Gischt fliegt über das Schiff.
13.07 Uhr – Am Horizont leuchtet es weiß. Das könnten die Klippen von Dover sein.
Tolle Stimmung

12.32 Uhr (UK time) – Wir nähern uns der Insel. Bin schon im Netz von O2 UK. Ab hier eine andere Uhrzeit und Linksverkehr!

12.53 Uhr – Man sieht nun auch schon Dover Castle. Aber die Sonne ist weg.

Der Regen zieht nach Osten ab. Dahinter ist eine Lücke von vielleicht einer Stunde.

13.00 Uhr – Im Hafenbecken von Dover. Hier dreht das Schiff wieder, damit wir vom Heck rollen können. Bin ziemlich aufgeregt, was mich hier erwartet. Eigentlich völlig grundlos. Ich gebe mir einfach noch ein oder zwei Tag zum Ankommen.

Die rote Linie führt uns Radfahrer aus dem riesigen Fährterminalgelände heraus. Ein netter junger DFDS-Mitarbeiter ruft mir zu, dass ich weiterfahren muss.

13.39 Uhr – A truly warm welcome! Und Canterbury und London sind schon ausgeschildert.

13.48 Uhr – Oben Dover Castle, rechts das Fährterminal. Jetzt suche ich mir den Weg zum Castle hoch, statt die von Komoot geplante Hauptstraße zu nehmen.

14.00 Uhr – Der Bürgersteig ist der Radweg, oder? Hmpf!

14.06 Uhr – Irgendwo hier war mir 1990 bei der ersten Englandtour mit dem Tandem nach dem ersten englischen Frühstück so furchtbar schlecht. Heute geht es gut. Mir ist aber noch nicht klar, ob ich auf der Straße fahren soll. Auf dem Bürgersteig fühle ich mich erstmal sicherer.

14.16 Uhr – Den Regen da vorne brauche ich nicht. Da fahre ich lieber etwas langsamer.
31 km bis Canterbury.

14.30 Uhr – Der erste einspurige Hohlweg und der erste Regen.

14.53 Uhr – Läuft super, sieht aber nach sehr viel Regen aus. Jetzt könnte ich eine freie trockene Bushaltestelle für eine Müslipause brauchen, also überdacht und mit Bank.

15.05 Uhr – Keine Bushaltestelle, aber immerhin ein Wäldchen, das den ärgsten Wind und Regen abhält.

15.39 Uhr – St. Nicholas of Barfreston aus dem 12. Jhd.

Außergewöhnlich ist das Wagenradfenster im Chor, das nur in der Zeit von 1160 – 1180 in normannischen Kirchen gebaut wurde. Ein sehr schöner Ort für die ersten Taizé-Lieder auf der Insel.

Zwei Engländer aus Devon erzählten mir gerade, dass es die schönste und berühmteste normannische Kirche Englands ist.

Das Tympanon ist wirklich außergewöhnlich. Der Jüngere der beiden wies mich besonders auf die Sonnenuhr rechts unten neben der Säule hin.

16.48 Uhr – Die längst überfällige Müslipause mit dem guten Rapunzel Original, Apfelstücken und Joghurt. Keine Bank, kein Dach, aber gerade trocken und Sonnenschein.
Besondere Tiere, die ich heute schon gesehen habe: Eichhörnchen, Rebhuhn, Hase. Wird fortgesetzt.
Noch zehn Kilometer bis Canterbury.

17.08 Uhr – Typisch englisch. Ich bleibe aber weiter auf der kleinen Straße.
Das Fahren in den engen Hohlwegen ist sehr entspannt. Ich lasse alle vorbei und was von vorne kommt, höre ich rechtzeitig. Man fährt relativ langsam und bedankt sich höflich.

Rebhühner, man hört sie und sieht sie ständig.

17.19 Uhr – Scheint mir etwas zu tief und zu schnell das Wasser. Ein andermal.
Kurz darauf fuhr ein SUV mit Schwung durch den Bach.

17.41 Uhr – Noch 500 m.

17.45 Uhr – Vorne bei den Türmen geht es auf das Gelände der Kathedrale, die ich auf dem Weg in die Stadt noch nicht sehen konnte.

Das Tor.

Die wunderbare Kathedrale.

17.51 Uhr – Ankunft, gleich neben der Kirche.

18.06 Uhr – Der Blick aus meinem Fenster entschädigt für den ganzen Regen und die ganze Aufregung heute. Mit meiner Gästekarte kann ich morgen um zehn noch die Kathedrale besichtigen, bevor ich abfahre. Also habe ich mich für das Frühstück für 8.30 Uhr eingetragen. mit 72 km wird es morgen also auch wieder spät. Aber egal. Die Kathedrale muss sein.

Der langgestreckte Chor mit den Chorkapellen

Das Westportal mit Elisabeth II. und Prinz Philipp in hellem Stein.

21.10 Uhr – Pizza, Cidre mit viel Wasser, danach Espresso. Jetzt bin ich müde und satt. Es ist ja auch schon 22.10 Uhr nach deutscher Zeit. Für Gäste der Cathedral Lodge gibt es 10% auf die Speisen.

21.51 Uhr – Das Tor war schon zu, als ich zurück kam. Ich habe, wie es mir an der Rezeption erklärt wurde, die Klingel links vom kleinen Tor gedrückt. Dann kam jemand, dem ich die Gästekarte gezeigt habe, und ich durfte hinein.

Tolle Abendstimmung. Das westliche Langhaus ist aus dem späten 14. Jhd.

Das östliche Querschiff stammt aus dem 11. Jhd. und ist noch in romanischem Stil. Der daran anschließende Ostchor, ganz rechts, wurde im späten 12. Jhd. erbaut. 1175, der Baubeginn des Chors, wird als Beginn der Gotik in England angesehen. Den Bau leitete der französische Baumeister der Kathedrale von Sens.
Die eigentliche Englische Gotik beginnt 1180 mit dem Bau der Kathedrale von Wells und 1192 der in Lincoln.
Seit Heinrich dem VIII. die Trennung von Rom befahl, ist der Bischof von Canterbury das Oberhaupt der englischen Kirche.
Das erst Mal war ich 1981 hier, als Zwischenstation auf dem Weg zum Europäischen Treffen in London, das die Brüder von Taizé organisiert haben. Wir wurden abends noch durch die dunkle Kathedrale geführt. Ein sehr eindrucksvolles Erlebnis.
Morgen gibt es sicher viele Kathedralenfotos.
Jetzt aber Schluss für heute. Gute Nacht!